Dienstag, 26. Januar 2016

[Blogtour] Der vergiftete Raum - Interview mit Juliana Braun



Hallo Liebe Leser und herzlich Willkommen zur nächsten Station unserer Blogtour zu "Der vergiftete Raum" von Alf Stiegler.
Gestern hattet ihr bei Manja von Manjas Buchregal einen tollen Einblick in die Fränkische Schweiz.
Heute habe ich ein Protagonisten Interview der besonderen Art für euch.

Viel Spaß und nicht vergessen macht auch bei unseren Gewinnspiel mit!
Morgen geht es bei Sarah von Zeilensprung - Literatur - Erleben weiter!



Protagonisten Interview mit Juliana Braun, dieses Interview wurde zu Beginn der Ereignisse im Waldheim aufgezeichnet.


Juliana schwang sich aus ihrem Skoda und fühlte sich erstaunlich wohl in den hohen Absätzen. Endlich mal wieder raus aus den Pädagogenklamotten.

Als sie sich auf den Weg zum Eingang des Cafés machte, begann sich ihr Bauchgefühl bemerkbar zu machen und sie mit Warnungen zu bewerfen: Was das für eine Bloggerin sei, warum sie Juliana zu einem Interview eingeladen hatte, worum es dabei überhaupt gehen sollte. Aber Juliana wischte diese Bedenken einfach beiseite. Sie war so froh dem Waldheim entkommen zu sein, dass sie wahrscheinlich auch einer Einladung zu den Zeugen Jehovas gefolgt wäre. Sie holte den Brief noch einmal hervor.

„Einladung zum Interview auf Lines Buchblog“

Mit Sicherheit ist Markus dafür verantwortlich, dachte sie bei sich. Ihr Geschäftspartner hatte von Anfang an kein gutes Gefühl bei ihrer Bewerbung in diesem seltsamen Heim gehabt, und wollte ihr nun ein wenig Ablenkung verschaffen.

Ihr Bauchgefühl war jedoch davon nicht zu überzeugen. >Ach ja?<, schimpfte es, >Warum hat er dich dann nicht vorher gefragt?< Juliana begann im Gehen in ihrer Handtasche zu wühlen, um sich abzulenken. Ihr Bauchgefühl gab keine Ruhe. >Wenn du so sicher bist, dass er dafür verantwortlich ist, warum hast du dann nicht nachgehakt, was er sich dabei gedacht hat? Und wenn wir schon dabei sind…< „Halt gefälligst die Klappe!“ Juliana rammte ihre Absätze in den Boden und ballte die Faust in ihrer Handtasche.

Dann hörte sie das leise Klappern einer Tür. Mit einer unguten Vorahnung und hochgezogenen Schultern blickte sie von ihrer Tasche auf. Eine junge Frau stand in der Tür des Cafés, an ihren Lippen zupfte ein Lächeln.

Juliana ließ ihre Schultern sinken. „Sie haben das gesehen…“ Die junge Frau reichte ihr die Hand. „Sag ruhig Du“, sagte sie und lächelte noch etwas breiter. Als ob sie wüsste, dass Juliana die ungewöhnliche Angewohnheit hatte, mit ihrem Bauchgefühl zu sprechen. Aber das konnte natürlich nicht sein.

„Willkommen zum Interview auf Lines Buchblog!“

„Mein Name ist Jacqueline“, sagte die junge Frau, „aber alle nennen mich Line.“ Juliana spürte, wie ihr freundliches Interesse entgegen schlug, und nach der Angst und der Verzweiflung im Waldheim fühlte sich das an, als würde man nach einem eisigen Schneesturm in ein warmes Bad steigen. Dankbar ergriff sie die gereichte Hand und drückte sie. „Juliana. Aber alle nennen mich Jana.“

Wieder dieses wissende Lächeln. „Komm mit“, sagte Jacqueline dann und führte Juliana in ein gemütliches kleines Café. Es war noch kein Gast da, und die Vertraulichkeit, mit der die Bedienung die Bestellung aufnahm, ließ Juliana vermuten, dass hier öfter solche Interviews stattfanden. Der kleine Raum war gemütlich eingerichtet. Überall standen Bücher herum, es roch nach Papier und Holz und eine Duftlampe auf ihrem Tisch verströmte den dezenten Hauch von Lavendel. Ein Literaturcafé offenbar. Juliana spürte wie sie sich entspannte.

Ein paar Minuten später war das warme Klappern von Porzellan zu hören, als die Bedienung zwei Tassen mit handgebrühtem Kaffee brachte. Voller Verzückung beobachtete Juliana, wie der Dampf aus der Tasse stieg. Heiß. Frisch. Sie nahm den Becher in beide Hände, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und ermutigte Jacqueline mit einem freundlichen Blick über den Dampf hinweg, dass sie ruhig mit dem Interview beginnen könne.

Die Bloggerin stellte ihre Tasse ab und holte einen Stift hervor. Juliana nippte an ihrem Kaffee, gespannt auf die Fragen, die man ihr stellen würde. Wahrscheinlich würde es wieder einmal um ihre berühmte Vergangenheit gehen. Queen Suicide. Na bitte, sie hatte sich schon so oft dafür gerechtfertigt, dass…

„Dieser geheimnisvolle Brief, den du aus dem Waldheim bekommen hast…“

Juliana verschluckte sich und musste so heftig husten, dass die Flamme unter der Duftlampe zu flackern begann. Jacqueline sprang auf und sah betroffen aus, aber Juliana hob beschwichtigend die Hand. „Schon gut“, krächzte sie, als sie wieder zu Atem kam, „schon gut.“
In ihrem Kopf jedoch rasten die Gedanken. Sie hatte keine Ahnung, wie die junge Frau von dem Brief erfahren haben konnte, immerhin hatte Juliana nicht einmal Markus davon erzählt. Aber bitte, dachte Juliana, und ihre Instinkte schärften sich. Wollen wir doch mal sehen, wohin uns dieses Gespräch führt. Sie deutete der Bloggerin, dass sie ruhig weitermachen konnte.

„Wie hast du dich gefühlt, als du diesen Brief bekommen hast?“

Juliana behielt sie scharf im Auge. Jacqueline sah ebenfalls wachsam aus. Interessiert. Aber auch besorgt. Vielleicht wusste sie ja etwas darüber, welche Experimente man mit den Kindern im Waldheim angestellt hatte. Vielleicht konnte sie Juliana sogar weiterhelfen.
>Vielleicht hat sie aber auch nicht die geringste Ahnung<, warf Julianas Bauchgefühl ein, >und will nur eine Sensation aus dir herauskitzeln, um noch mehr Leser auf ihren Blog zu locken!<

Diesmal beschloss Juliana auf ihr Bauchgefühl zu hören. Sie würde sich mit Bedacht an ihrer Interviewpartnerin herantasten. „Wie hättest du dich gefühlt?“, fragte sie also zurück.

Line hob eine Braue. „Wie ich mich gefühlt hätte, wenn mir ein Brief von einem Heimbewohner zugeschickt worden wäre, der von Geisterhalluzinationen spricht, und fürchtet, dass man ihn umbringen will? Was glaubst du wohl.“ Sie nahm selbst einen Schluck Kaffee. „Ich wäre geschockt.“

Juliana breitete ihre Arme in einer Da-ist-es-mir-nicht-anders-ergangen-Geste aus.

„Was mich zu der Frage führt: Warum hast du dich dann trotz dieses Briefes auf die Stelle im Waldheim beworben?“

Tja. Was sollte Juliana darauf nur antworten? Weil ich ein verdammtes Opfer meiner Faszination für bizarre psychologische Phänomene bin! Sie entschied sich jedoch, nur diesen anderen Teil der Wahrheit in ihrer Antwort zu erwähnen. „Der Brief war ausdrücklich an mich gerichtet“, sagte sie. „Jemand fürchtet um sein Leben und bittet mich um Hilfe. Wie könnte ich das ignorieren?“
Line rührte in ihrem Kaffee, das Klappern des Löffels am Porzellan füllte die Stille. Mittlerweile wünschte sich Juliana, dass ein paar mehr Gäste kommen würden.

„Wie war dann dein erster Eindruck vom Waldheim, seinen Angestellten und Bewohnern?“

Ohne dass Juliana das verhindern konnte, schossen ihr die mühsam verdrängten Erinnerungen wieder durch den Kopf; Erinnerungen an den Einrichtungsleiter, dieses sadistische Schwein, an den gewalttätigen Skinhead mit den blutigen Augen, an den Tintenfischjungen und die Art wie der stille Sonderling sie immer ansah, an all die anderen Bewohner und diese unausgesprochene Angst, die sie alle niederdrückte wie die unsichtbare Pranke eines Riesen.

„Mein erster Eindruck…“, sagte sie nur und stellte ihre Kaffeetasse ab, „hat mich darin bestätigt, dass dieser Brief kein Scherz ist.“
Das Geräusch von Jacquelines Kugelschreiber auf Papier. Als keine weitere Antwort von Juliana kam, hob sie den Kopf.

„Hat sich dein erster Eindruck vom Waldheim seitdem geändert?“

Juliana zuckte zusammen. Diese Fragen bohrten mitten in die offenen Wunden. Was sollte sie ihrem Gegenüber sagen? Dass es jeden Tag offenkundiger wurde, wie sehr auch die Mitarbeiter von irgendeinem dunklen Geheimnis niedergedrückt werden? Und dass das auch an ihrem eigenen dunklen Geheimnis rüttelte… Ohne sich daran hindern zu können, tastete sie nach den Lederarmbändern, die sie unter ihrem Ärmel versteckt hielt. Jacqueline bemerkte das, und für eine Sekunde durchzuckte Juliana der glühende Schreck, die junge Frau könnte sie danach fragen. Die Bloggerin jedoch bemerkte offenbar den leidenden Ausdruck in Julianas Gesicht und beschloss nicht weiter nachzufragen.

„Nun gut, anderes Thema. Kinder, die alle anfangen Geister zu sehen. Jetzt mal Hand aufs Herz: Gibt es so etwas wie ansteckende Halluzinationen wirklich?“

Juliana entspannte sich ein wenig. Das war ihr Gebiet.  „Ich meine“, fuhr Jacqueline fort, „das klingt eher, als hätte sich das ein Psychothriller-Autor mit zu viel schräger Fantasie ausgedacht.“ Sie grinste hintergründig. Julianas Kaffee-Appetit kehrte indes zurück und sie nahm die Tasse in die Hand. „So etwas wie im Waldheim hat es wohl wirklich noch nie gegeben“, gab sie zu. „Aber im Kleinen geschieht so etwas ständig. Es hat etwas damit zu tun, wie wir Ereignisse aus unserer Umgebung bewerten.“

Oh je, dachte Juliana, keinen Therapeutentalk… Sie räusperte sich. „Nehmen wir eine Familie, die gemütlich beim Abendbrot sitzt. Plötzlich klappern die Dachziegel. Jedem ist klar: das ist die Nachbarskatze auf Mäusejagd.“ Juliana nahm einen Schluck Kaffee. Ein wenig abgekühlt aber noch immer köstlich. „Ganz anders sieht die Situation aus, wenn sich der sechzehnjährige Sohn mit seinen Kumpels gerade „Paranormal Activity“ angeschaut hat und ins Bett gehen will. Dann wird das Ziegelgeklapper plötzlich anders bewertet, es wird im „Geisterhaus-Modus“ bewertet, und wenn dann einer erschrocken „Was war das?“ ausruft, einigt man sich stillschweigend darauf, dass hier irgendetwas Unheimliches vorgeht, und beginnt hinter jedem flackernden Schatten ein Gespenst zu sehen.“ Sie beobachtete, wie Jacquelines Stift über das Papier flog.

„Zu einer echten Halluzination oder Wahnvorstellung wird das Ganze dann, wenn man einer solchen Bewertung wirklich Wahrheitsgehalt zuspricht.“ Juliana schwenkte den Kaffee in ihrer Tasse und sog den Duft ein, „Ich meine, auch ein Sechzehnjähriger weiß, dass die Dachziegel vermutlich nicht wirklich unter einem Dämonenhuf geklappert haben.“ Sie grinste, „Auch wenn er es vermutlich nicht darauf ankommen lassen wird.“

„Kannst du mir denn einen Fall beschreiben, natürlich ohne Namen zu nennen, bei dem tatsächlich so etwas wie diese ansteckenden Halluzinationen im Waldheim aufgetreten sind?“

Julianas Grinsen verblasste. „Ja“, sagte sie, „und das ist gar nicht so selten.“ Sie lehnte sich zurück und sah aus dem Fenster. Ein steifer Wind riss an den Bäumen. „Stell dir vor, der Junge der das Klappern der Dachziegel hört, hat vorher keinen Horrorfilm gesehen, sondern sich an einer Geisterbeschwörung versucht. Gläserrücken, Ouija-Brett, du weißt schon. Stell dir vor, die Antworten dieses „Geistes“ waren in irgendeiner Form bedrohlich. Und jetzt stell dir vor, dass der Junge das Klappern der Dachziegel nun tatsächlich für einen Beweis hält, dass er heimgesucht wird.“ Juliana stellte ihren Kaffee ab. „Wenn er dann auch noch glaubt mit niemandem darüber reden zu können, dann ist der psychische Giftcocktail fertig, und wir Therapeuten bekommen ihn erst dann zu sehen, wenn er wegen einer handfesten Angststörung in der Psychiatrie gelandet ist.“

„Nicht darüber reden? Klingt ein wenig wie das, was den Kindern im Waldheim widerfährt, nicht wahr?“

Die Frage erwischte Juliana wie ein Schwall Eiswasser. Sie rang nach einer Antwort. Fand keine. Wenigstens konnte sie sich daran hindern, ihre Lederarmbänder zu berühren. Jacqueline beobachtete sie aufmerksam. Wartete geduldig. Sprach erst weiter, als sie sicher war, dass von Juliana tatsächlich nichts kommen würde.

„Ich will ehrlich zu dir sein Juliana“, sagte sie und beugte sich vor, „Du bist sehr offen und mitteilsam. Bis das Thema auf das Waldheim kommt.“ Die Bloggerin kaute sich auf der Lippe herum, als ob sie etwas zurückhielt. Schließlich sprach sie es dann doch aus.

„Es ist, als hätte man dir einen unsichtbaren Knebel angelegt. Wie gehst du mit dieser Situation um?“

Juliana erstarrte. Fesseln und Knebel. Genau das, was ich im Waldheim beobachte. Es hat mich angesteckt… Diesmal konnte sie sich nicht daran hindern, ihre Lederarmbänder zu berühren. Diesmal sah die Bloggerin nicht weg. Line beobachtete es genau. Sah Juliana dann in die Augen, nickte in Richtung von Julianas Armbändern und lächelte entschuldigend.

„Juliana, ich weiß, dass dich nicht jede Frage begeistern wird, doch kannst du mir erklären, was es mit diesen Lederarmbändern auf sich hat?“

Juliana sprang auf, so hastig, dass die Kaffeetasse vom Tisch flog, und die Duftlampe umkippte. „Ich…“, stammelte sie und beobachtete, wie die Duftlampenkerze in einer Pfütze aus Wasser und Aromaöl ertrank, „Ich…“, eine Wolke aus Lavendel und Kaffee breitete sich aus, „Danke für den Kaffee!“, stieß Juliana schließlich hervor, flüchtete aus dem Café, sprang in ihren Wagen und ließ den Ort des Geschehens hinter sich.

Erst als sie auf halbem Weg nach Bayreuth war, hatte sie sich wieder beruhigt. Sie hielt an einem Rastplatz. Und ihr wurde klar, dass das Waldheim wieder auf sie wartete. Dieses Geheimnis, das hinter der Idylle lauerte, so unergründlich und unerträglich, wie das Schweigen, das auf den Kindern lastete. Aber all das ist besser, dachte Juliana, als über meine Armbänder zu reden. Das, was von ihnen gebändigt wurde, begann sich ohnehin bereits zu regen. Sie wagte sich nicht auszumalen was geschah, wenn es aufwachte. Und Besitz von ihr ergriff.  

Dass Juliana weinte bemerkte sie erst, als Tränen auf das Leder tropften. Irgendwann hatte sie sich wieder gefasst. Ihre Ängste abgetötet. Und machte sich endgültig zurück auf den Weg ins Waldheim.  



Das Gewinnspiel:



1. - 5 Preis







Jeweils ein E-Book Paket "Der vergiftete Raum" Teil 1 - 7
im Mobi oder ePub Format


Um in den Lostopf zu kommen beantwortet einfach die folgende Frage, hinterlasst mir dazu einfach einen Kommentar.


Was haltet ihr von Juliana ?


Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklärt ihr euch mit den Teilnahmebedingungen einverstanden.


Den genauen Blogtour Fahrplan findet ihr Hier

Kommentare:

  1. Hallo,

    Juliana hat definitiv ein Geheimnis, dass man wohl nur durch lesen der Bücher heraus bekommt. :)

    LG
    SaBine

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  2. Sie hat etwas mysteriöses an sich etwas das sie nicht preisgeben will ich bin sehr gespannt ....

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  3. Hallo,

    ich finde sie geheimnisvoll, aber durchaus sympathisch. Wenn sie so ist, wie beim Interview, dann wird sie ein toller Charakter im Buch sein, bei dessen Leben man gerne mitliest und mehr erfährt.

    Alles Liebe,
    Tiana

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